Antwort von Philippe Karl auf die Kritik von Dr. Gerd Heuschmann

Am 21. November 2009 bestritten Dr. Gerd Heuschmann und Philippe Karl in Verden ein gemeinsames Seminar, das von 3100 Zuschauern besucht und zum Abschluss mit Standing Ovations beehrt wurde.

Philippe Karl und seine Ehefrau Bea Borelle baten anschließend Herrn Heuschmann um ein Feedback. Dieser Bitte kam er Ende November nach, indem er in einer E-Mail ausgiebig Kritik übte.

Da Herr Heuschmann es für nötig hielt, dieses persönliche Schreiben in der Zeitschrift "Pegasus – Freizeit im Sattel" zu veröffentlichen (Ausgabe März 2010), hat sich Philippe Karl entschieden, seine Antwort über diese Webseite ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Diese Antwort von Philippe Karl an Gerd Heuschmann ist hier im Folgenden abgedruckt.

24.02.2010


Lieber Gerd,

Ich antworte Ihnen erst heute, da ich eine gewisse Bedenkzeit benötigte und zudem andere Prioritäten hatte.

Bevor ich zu Ihrem Brief vom 26.11.2009 über den Tag in Verden komme, erlauben Sie mir, die Historie unserer Beziehungen kurz zusammenzufassen. Sie ist überaus aufschlussreich.
 

März 2008

Als Antwort auf ein Interview sagen Sie in den „Dressur-Studien“:
„Soweit ich das beurteilen kann, spielt das Thema Schwung bei Philippe Karl aber durchaus eine Rolle, im Gegensatz zu manchen anderen Ausbildern.“
„Herr Karl ist ein brillanter Reiter. Ohne Zweifel gehen die meisten Pferde, die ich unter Herrn Karl auf Videos gesehen habe, über den Rücken, schwungvoll und mit aktivem Hinterbein. Die älteren, weiter ausgebildeten Pferde immer. Ich kann seine Methode nicht abschließend beurteilen, da ich sie noch nicht persönlich kennengelernt habe.“

 

September 2008

Nach Ihrem Besuch einer meiner Lehrgänge in Fintel (im Juni 2008) schreiben Sie in der Zeitschrift „Piaffe“:
„Was ich während des Seminars erleben durfte, war eigentlich das Ideal dessen, was ich mir unter Dressurreiten vorstelle. Geschmeidige Genicke, feinste Anlehnung, Dehnungsbereitschaft und schwungvolles Gehen mit feinster Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Im Grunde entspricht die Arbeit von Herrn Karl exakt der Philosophie der guten Reitlehren des letzten Jahrhunderts.
Es ist für mich unverständlich, dass Herr Karl gerade im Spitzensport nicht entsprechend hohes Ansehen genießt. Nach dem Besuch des Seminars wurde mir wieder deutlich vor Augen geführt, in welcher Sackgasse sich die Turnierreiterei befindet. Eigentlich müsste man verzweifeln und aufgeben.
Nachdem es aber die Pferde sind, die täglich gequält werden, dürfen wir nicht aufgeben oder uns in ein Schneckenhaus zurückziehen. Wir müssen nach vorne denken und versuchen, die Kultur des Dressurreitens in jeder Hinsicht wieder in das Bewusstsein der Menschen zu holen. Mir ist seit einigen Tagen klar, dass Herr Karl in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle spielt.“

 

Februar 2009

In Fintel findet ein Lehrgang unter dem Motto „Gerd Heuschmann trifft die Schule der Légèreté“ statt, bei dem ich nicht zugegen war. Vor 250 Zuhörern loben Sie ausdrücklich die Arbeit meiner Schüler.
 

Juni 2009

Während eines Lehrgangs in Norderstedt berichten Sie von Ihrem Besuch in meinen Stallungen im November 2008 vor zahlreichen Zeugen:
„Ich habe Rücken und Hals der Pferde von Philippe Karl und seinen Praktikanten kontrolliert. Sie waren alle außerordentlich locker und geschmeidig.“
 

Juli 2009

In der australischen Zeitschrift „The Horse Magazine“ schreiben Sie:
„Ich hatte Glück, die vier oder fünf besten Ausbilder seines Systems sind dort geritten, und ich traute meinen Augen kaum, das war Dressur, unglaublich – den ganzen Tag lang. Sie können mir nicht einen ganzen Tag lang eine Fälschung präsentieren. Die kamen am langen Zügel rein, piaffierten, aber eine echte Piaffe auf der Hinterhand, das war perfekte Dressur.
Er ist sehr speziell, er ist der Typ mit der hohen Hand, aber ich habe ihn zwei Tage lang besucht, um seine Methode zu studieren. Er hat einige sehr interessante Ideen. Wenn man einige davon in die Tat umsetzen würde, könnte man die Leute am Ziehen hindern. Man braucht nicht zu ziehen – in seiner Reitweise fängt das Pferd an zu kauen, es entspannt sich und wölbt den Rücken auf.
Seit ich Herrn Karl besucht und seine Philosophie zum Genick und zum Kauen – aus biomechanischer Sicht – verstanden habe, ergibt das alles Sinn.“

 

September 2009

In Frickingen (Bodensee) organisieren zwei meiner Schülerinnen, Claudia Steiert und Sylvia Stössel, einen Lehrgang mit Ihnen. Beide stellen Ihnen ihre Pferde vor, und Sie beglückwünschen die beiden in aller Öffentlichkeit zur Qualität ihrer Reiterei.
 

Oktober 2009

In Warendorf treffen Sie die Vertreter der FN (eben jene, die im April noch auf Ihre Dienste verzichten wollten). Die Novemberausgabe der FN-Mitgliederzeitschrift „PM Forum“ berichtet darüber unter dem Titel „Gerd Heuschmann zu Gast bei der FN – Einigkeit in der Sache“.
Wie heißt es so schön: „Indem er an seiner Leine nagt, lernt der Hund, Leder zu fressen.“
(W. Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1880)
 

Anfang November 2009

In einem Telefongespräch sagen Sie mir:
„In allen Ländern, die ich besuche, werden wir beide als die einzige ernstzunehmende Opposition der FN angesehen. Damit haben wir eine riesige politische Macht. Vor Verden sollten wir uns darüber unterhalten, wie wir diese Macht einsetzen können ...“
Ich antwortete Ihnen: „Ich bin mir dieser politischen Macht durchaus bewusst, aber eines ist klar: Ich werde mich nicht an politischen Spielchen beteiligen. Die kenne ich zur Genüge. Ich möchte zwar nützlich sein, will aber unabhängig bleiben ...“ Woraufhin das Gespräch bald beendet war.
 

21. November 2009, Verden

Zu meiner nur halben Überraschung – denn das alles war einfach zu durchschauen –, hatte sich Ihre Haltung radikal verändert.

• In meinem Theorievortrag habe ich in eineinhalb Stunden anhand wissenschaftlicher Fakten gezeigt, dass eine an den biologischen Bedürfnissen des Pferdes ausgerichtete Ausbildung geradewegs zum – richtig verstandenen – Konzept der „Légèreté“ führt; dass bei einer solchen pferdegerechten Ausbildung das „ganzheitliche Vorgehen“, das Gegeneinanderwirken der Hilfen, ständig tief getragene Hände, zugeschnürte Reithalfter und jegliche Hilfszügel unwiderruflich abzulehnen sind; und dass dieser Weg es dem Reiter erlaubt, jedes beliebige Pferd ohne Krafteinsatz optimal zu fördern.
Der Vortrag erntete immer wieder Zwischenapplaus. Dennoch haben Sie keinen Augenblick lang zugehört – das war augenfällig genug, als dass es niemandem entgehen konnte. Sie haben sich vielmehr ständig mit Frau Sonntag unterhalten, der wohlbekannten Koryphäe in Sachen Reiterei. Schade, denn Sie hätten vieles zu lernen gehabt.

• Ebenso während der praktischen Vorführungen: Sie rannten immerzu von einer FN-Autorität zur nächsten (die natürlich nichtamtlich zugegen waren). Sie standen nicht „auf Empfang“ – sondern Gewehr bei Fuß bei der FN! Wahrscheinlich um herauszufinden, was Sie denken sollten.

• Und was soll ich zu Ihren Kommentaren nach den einzelnen Vorführungen sagen? Sie haben Ihre Lektion aufgesagt, uns alle Dogmen aus den FN-Richtlinien aufgetischt, mit der Selbstsicherheit und Unaufrichtigkeit des perfekten Komplizen.
Doch darauf werden wir später noch im Detail zurückkommen.
 

Nach Verden

Seit dieser Veranstaltung wiederholen Sie allerorts:
„Ich habe mich in Bezug auf die Reitweise von Philippe Karl geirrt.“
Das hinderte Sie jedoch nicht daran, Christiane Horstmann (einer meiner Ausbilderinnen, die in Verden geritten ist) am 22. Dezember 2009 auf dem Weg zu einem Treffen des Xenophon-Vereins folgenden Vorschlag zu machen: „Ich gebe Ihnen eines meiner eigenen Pferde zur Ausbildung. Und Sie stellen dieses Pferd dann in meinen Lehrgängen vor.“
Frau Horstmann hat diesen Vorschlag selbstverständlich höflich abgelehnt. Es gibt noch Menschen, die zu ihren Überzeugungen stehen.
 

Nun zu Ihren eigenen Leistungen.

So sehr Ihre Vorträge zur Biomechanik auch geschätzt werden – dasselbe gilt nicht für Ihre Reiterei. Diese wird als oberflächlich beurteilt und vielfach belächelt, da Sie häufig an einfachen Problemen scheitern. Ende 2008 und Anfang 2009 haben Sie selbst mehrfach in Ihren Lehrgängen Schüler von mir hinzugebeten, um Ihnen aus dieser oder jener reiterlichen Sackgasse herauszuhelfen. Das war sympathisch und vielversprechend. Leider haben Sie daraufhin einige Verfahren als simple „Tricks“ angewendet, in unangebrachten Situationen und ohne die Hintergründe wirklich verstanden zu haben. Und da dies natürlich nicht richtig funktionierte, haben Sie daraus geschlossen, dass das „System“ anzufechten ist.
Eine klassische Verirrung überdimensionierter Egos.

Sie sind zweifellos ein brillanter Tierarzt, doch Sie begehen den schweren Fehler, sich für einen ebenso begnadeten Reiter zu halten.
 

Die Moral von der Geschichte

Lieber Herr Doktor, wann sind Sie denn nun ehrlich? Und wann kann man Ihnen glauben?
Welche Rolle spielt die Inkompetenz bei diesen ganzen Kehrtwendungen? Und welche die Verlogenheit?
Lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Ihr Verhalten war zumindest unhöflich und illoyal.
So ist das offensichtlich, es gibt Leute, die ein Gefecht nie in dem Lager beenden, in dem sie es begonnen haben. Und darüber hinaus besitzen sie die Frechheit, sich über ihre Verbündeten zu beschweren. Mein Stil ist das nicht.
Ich habe übrigens nie irgendeine Rückendeckung von Ihnen gefordert, denn so etwas brauche ich nicht.


Kommen wir nun zu den technischen Aspekten Ihres Briefes. Ich zitiere einige ausgewählte Punkte aus dem Reitunterricht, den Sie mir freundlicherweise haben angedeihen lassen:
 

  • Enttäuschung

„Das letzte Bild mit den 8 Pferden in Verden hat mich enttäuscht. Da mußten nicht irgendwelche Superdressurpferde gehen, aber auch die gezeigten Pferde liefen einfach nur ihre Runden. Ich hatte ein bißchen gehofft, dass diese Pferde etwas strahlen würden, irgendwie fehlte mir Rhythmus, Dynamik und Geschmeidigkeit – was auch ein kleines normales Pferd nach jahrelanger Ausbildung zeigen können müßte.“ „... ich bin vor allem seit Verden in meiner Sicht bestärkt, dass in deinem System etwas nicht stimmt.“

Entsprechend meinem Theorievortrag und wie in meinen einleitenden Worten angekündigt, haben wir in den praktischen Vorführungen ganz verschiedene, gewöhnliche, in Bezug auf Gebäude und Grundgangarten zum Teil sogar ausgesprochen mittelmäßige Pferde vorgestellt: einen Friesenhengst, zwei Lusitanohengste, ein Quarterhorse, eine Araberstute, ein Haflingermix und zwei Warmblüter, von denen der eine in seiner früheren Karriere als Springpferd kaputtgeritten worden war, der andere als Dressurturnierpferd.

Wie die vor Ort gefilmten Bilder beweisen, haben wir bei dieser Lehrvorführung die Lösungsarbeit gezeigt, die vollständige Arbeit in den Seitengängen in den drei Gangarten, bei einigen Pferden fliegende Wechsel und spanischer Schritt, sowie Piaffe und Passage in verschiedenen Fortgeschrittenheitsgraden bei allen; das Ganze immer wieder unterbrochen durch Reprisen in Dehnungshaltung und Pausen im Halten am hingegebenen Zügel.

Von all dem haben Sie offenbar nichts gesehen. In Ihrem ganzen Brief steht nicht ein einziges positives Wort zu den vier Stunden Vorführung, die wir in Verden geboten haben.
• Sie haben nicht gesehen, dass unter diesen Pferden auch jene waren, die Sie im Juni 2008 in Fintel so bewundert haben!
• Sie haben die lockeren Pferdemäuler an halb angespannten Zügeln nicht gesehen!
• Sie haben die Ruhe und das Vertrauen dieser Pferde, die keinerlei Erfahrung mit öffentlichen Vorführungen haben, nicht gesehen!
• Sie haben die Abwesenheit von Kampf und Gewalt und die allgemeine gute Laune nicht gesehen!
Es gibt keine schlimmere Blindheit als die desjenigen, der nichts sehen WILL.

Unser Ziel war es nicht, Perfektion zu zeigen. Wir hofften vielmehr, jene Reiter zum Nachdenken anzuregen, die meinen, alles zu wissen, weil sie ausgezeichnete Pferde ausnutzen, und jenen eine vernünftige und pferdegerechte Alternative aufzuzeigen, die mit der offiziellen Reitweise in eine Sackgasse geraten sind und verzweifeln, weil sie nicht mehr weiterkommen.

Wenn Sie sich dann noch ins Gedächtnis rufen mögen, dass diese Pferde – wie ich in der Ankündigung ausdrücklich betont hatte – von meinen Schülern selbst ausgebildet und vorgestellt wurden, von Schülern also, die im Jahr nur zwölf Reiteinheiten bei mir haben ... Dann liefen diese Pferde hier ein paar „Runden“, mit denen sich zahlreiche Reiter liebend gerne zufriedengeben würden – und die völlig ausreichen, die Überlegenheit dieser Reitphilosophie zu beweisen.

Übrigens beurteilte eine FN-Reitlehrerin und Hannoveranerzüchterin mit langjähriger Turniererfahrung sowohl in der Dressur als auch im Springen die Vorführung mit den Worten: „Ich habe noch nie so schlechte Pferde so gut geritten gesehen.“
Um solch ein Urteil aussprechen zu können, muss man allerdings tiefgehende praktische Kenntnisse über die Problematik der Pferdeausbildung mitbringen, ebenso wie ein bisschen gesunden Menschenverstand und eine gewisse Objektivität. Die Urteile, die Sie über meine Schüler und ihre Arbeit abgeben, sind dagegen derart ungerecht, dass dies schon suspekt ist. Sie klingen nach Verachtung, nach Unaufrichtigkeit und Boshaftigkeit. Scheint hier nicht womöglich ein Hauch politischer Unterwürfigkeit durch? ... Oder gar Neid?

Das ist Ihre Sache. Ich ziehe meine Position der Ihren jedoch bei weitem vor.
 

  • Politik

„Ich glaube, wir haben in Verden politisch nicht unser Ziel erreicht – zu viele Menschen sind am Nachmittag gegangen und haben, wie ich, nicht verstanden, was sie gesehen haben.“

In der Tat sind einige Zuschauer vor Ende der Veranstaltung gegangen. Doch warum vergessen Sie dabei zu erwähnen, dass wir den vorgesehenen Zeitplan um fast zwei Stunden überzogen haben? Sie behaupten lieber, dass diese Leute gegangen sind, weil sie nicht verstanden haben, was sie gesehen haben. Eine tendenziöse Auslegung aus dem Munde von jemandem, der seine Wünsche für die Wirklichkeit hält. Und selbst wenn einige es nicht verstanden haben ... müssen Sie zugeben, dass Sie Ihr Bestes dazu beigetragen haben, dass dies auch so bleibt.

Sie besitzen eine entschieden selektive Wahrnehmung. Bei den Reitvorführungen haben Sie nichts Gutes gesehen – aber die Leute, die vor Schluss gegangen sind, die haben Sie genau gesehen! Und was Ihr Gehör angeht: Warum erwähnen Sie mit keinem Wort die lang andauernden „Standing Ovations“, mit denen die Vorführung zum Schluss beehrt wurde? Verletzten diese womöglich die Ohren Ihres Egos und liefen Ihre Machenschaften zuwider?

Wenn ich den zahlreichen positiven Rückmeldungen Glauben schenke, die wir bekommen haben, so habe ich – ob es Ihnen gefällt oder nicht – mein Ziel erreicht. Ihre „politischen“ Anliegen sind mir gleichgültig. Mich interessiert allein die Reiterei. Ich kann Ihnen nicht genug raten, sie tiefgründig zu studieren und zu praktizieren, bevor Sie den Mund so voll nehmen.
 

  • Takt

„... muß der Reiter seinem Pferd die Möglichkeit geben, SEINEN individuellen Takt zu finden. ... Aus meiner Sicht wird er häufig einfach ignoriert, die Pferde werden übers Tempo gescheucht und rennen einfach los, auch bei Deiner Philosophie sehe ich unrhythmisches Vorwärtsrennen, das es nach meinem Empfinden unmöglich macht, das Lebenselixier Takt zu finden.“

Die Verfechter der reiterlichen Orthodoxie geizen nicht mit Kritik. Was für ein Genuss für Leute, die selber nur „Trabmaschinen“ auf „Dressurshows“ vorstellen, Pferde kritisieren zu können, auf die sich zu setzen ihnen im Traum nicht einfallen würde. Denn wenn sie das, was wir ihnen erklärt und vorgeführt haben, positiv beurteilen würden, wären sie gezwungen, sich selbst in Frage zu stellen.
Es ist schön, große Reden zum Thema „Takt“ zu schwingen. Doch wovon hängt der Takt denn genau ab?

Vom natürlichen Talent des Pferdes

• Durch schonungslose Zuchtauswahl ist es gelungen, Pferde zu züchten, die von Natur aus spektakulär federnde Gänge mit beeindruckender Schwebephase besitzen und, wie Gustav Rau es forderte, „bereits von Geburt an alle Eigenschaften des ausgebildeten Pferdes aufweisen“.
Die Kehrseite der Medaille: Selbst wenn sie auf grobe Art und Weise geritten werden, bleiben diese Pferde im Takt unbeirrbar wie Metronome und gewinnen – bis zu dem Tag (der meist ziemlich früh eintrifft), an dem ihr Körper aufgibt (von der Psyche ganz zu schweigen).
In diesem Fall ist der Takt vor allem eine gute Investition, die oft dazu dient, für eine exhibitionistische und katastrophale Reiterei Werbung zu machen. Daraus ein absolutes Bewertungskriterien zu machen, hat entscheidend zu den Abwegen der heutigen Dressur beigetragen.

• Und was ist mit den anderen Pferden? Sicherlich kann man auch mit einem Pferd mit schlechten Grundgangarten einen langsamen und gleichmäßigen Takt erreichen: indem man es die Füße durch den Sand schleifen und auf seinen vier Beinen einschlafen lässt! Viele Reiter – unter anderem viele so genannte Barockreiter – machen dies so. Doch was ist mit der Impulsion, dem willigen Vorwärtstreten auf leiseste Schenkelhilfen? Muss man im Namen des heiligen Taktes auf jedes Vorwärtsschicken des Pferdes verzichten?
In der Ausbildung eines Pferdes mit mittelmäßigen Grundgangarten ergibt sich der Takt aus dem bestmöglichen Kompromiss zwischen Gleichgewicht (Haltung des Pferdes), Geschwindigkeit (Fleiß) und Entspannung/Losgelassenheit. Diesen Kompromiss herzustellen und zu halten, ist für den Reiter eine ständige, überaus heikle Gratwanderung. Gelegentliche Veränderungen des Taktes sind dabei quasi unausweichlich.

Nimmt man sich vor, JEDES X-BELIEBIGE PFERD ausbilden zu wollen, so kann man sich nicht mit derart vereinfachenden und dogmatischen Ansichten zufriedengeben. Der Takt ist sehr wichtig, aber er ist weder das erste noch das einzige Kriterium für eine gute Ausbildung. Hier ist ein bisschen Realismus gefordert.
Aber so ist das nun mal. Der verwöhnte Sohn hält sich für Schumacher, weil er mit seinem Ferrari 200 km/h fährt (was 50% von dessen Möglichkeiten entspricht), und verachtet denjenigen, der ein beliebiges bescheidenes Auto so aufbereitet und fährt, dass er damit 150 km/h erreicht. Doch wo steckt hier die wirkliche Kompetenz?

Von der Größe des Pferdes

Die Schwingungsphysik zeigt dies ganz deutlich am Beispiel des Pendels oder des Metronoms: Je kürzer die Pendellänge, desto schneller der Takt der Pendelbewegung – und umgekehrt. So kann man sich zwar beständig darüber aufregen, dass ein Jack Russel keinen so guten Takt hat wie ein Windhund und manchmal etwas eilig wird – aber das ist sinnlos und geschieht entweder aus Unwissenheit oder aus Boshaftigkeit.
Haben Sie jemals erlebt, dass ein kleines Pferd vor den großen in einer Dressurprüfung platziert worden wäre?
Ihnen ist doch selbst aufgefallen, dass die meisten Pferde, die wir in Verden vorgestellt haben, „klein“ beziehungsweise sogar sehr „klein“ waren! Leider verhindert das Bedürfnis, Kritik an dem zu üben, was man selbst nicht hinkriegen würde, gekoppelt mit der Notwendigkeit, der offiziellen Denkweise zu huldigen, jedes klare Nachdenken.
 

  • Gleichgewicht

„Es ist unbestritten, dass alles, was Du zum Maul, dem Genick und dessen Entspannung sagst, absolut richtig ist und in der Denkweise unserer deutschen Reiter (...) meistens fehlt. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass der Begriff Balance im ganzen Körper des Pferdes die größte Rolle spielt. Ich glaube, dass der geschmeidige Körper, und da ist nun mal der Rücken in der Mitte, das Wichtigste für uns Reiter ist. Wir sitzen auf dem Rücken und ohne geschmeidigen Rücken kann sich kein Lebewesen balanciert und ungestört bewegen. Negativen Einfluß auf diesen Rücken hat ein Reiter, der schlecht sitzt, und ein Reiter, der dem Pferd seine Balanciermöglichkeit, den Kopf und den Hals, nimmt oder negativ beeinflußt.“

„Der Rücken ist in der Mitte“, „wir sitzen auf dem Rücken“ und der schlecht sitzende Reiter hat einen „negativen Einfluss auf den Rücken “... Ich muss Ihnen was gestehen: Das wusste ich bereits!
Doch bleiben wir ernst. Wenn man alles vermischt, ist nur eines ganz sicher: dass man nichts wirklich tiefgehend analysieren kann. Auch dies ist eine der negativen Konsequenzen (eine intellektuelle diesmal) der „ganzheitlichen Denkweise“.

Takt, Gleichgewicht/Balance und Geschmeidigkeit sind grundlegend wichtig – in der Tat! Doch das bringt uns auch nicht weiter als die Einsicht, dass es besser ist, reich und gesund zu sein als arm und krank.

Die Balance ist also fundamental. Einverstanden, doch welche Balance denn? Und wie erreichen wir sie?
Ein 450 kg schweres, gut gebautes Pferd, das in natürlicher Haltung einen 75 kg schweren Reiter trägt, weist eine Überlastung der Vorderbeine von etwa 1/7 des Gesamtgewichts auf (also 75 kg bei einem Gesamtgewicht von 525 kg). Durch die korrekte Dehnungshaltung verstärkt sich diese Überlastung der Vorhand nochmals um 20 bis 25 kg (Gewicht auf den Vorderbeinen minus Gewicht auf den Hinterbeine ist ungefähr gleich 100 kg). Dieses vermehrte Gewicht auf der Vorhand bringt viele Pferde dazu, zu eilen. Was ist dann mit dem Takt?

Eine Frage: Jeden Tag kilometerweit mit der Nase am Boden herumzulaufen, unter dem Vorwand, dass dies den Rücken dehnt – ist das wirklich dazu geeignet, ein Pferd ins Gleichgewicht zu bringen? Viele Pferde kompensieren irgendwann dieses Ungleichgewicht, indem sie sich auf die Hand stützen und ihre Rückenmuskulatur VERSPANNEN. Denn das wissen Sie ja auch: Ein Muskel kann sich ebenso gut in Hypermetrie verspannen wie in Isometrie oder Hypometrie. Das ist eine physiologische Tatsache. Wie steht es dann um die Überbeanspruchung der Vorderbeine?

Können Pferde mit grundverschiedenem Gebäude wirklich alle auf die gleiche Art und Weise geritten werden? Vorsicht bei angeblichen Allheilmitteln: Sie besitzen häufig eine Kehrseite.

Doch genug der Phrasendrescherei: Die Balance eines Pferdes kann sich nur durch Anheben des Halsfundaments verbessern (20 bis 25 kg weniger auf den Vorderbeinen, anstatt 20 bis 25 kg mehr). Diese Korrektur des Gleichgewichts verbessert auch den Kontakt zwischen Pferdemaul und Reiterhand – und häufig auch den Takt der Gangart.

Fragen dazu:
• Inwiefern sollte ein verbessertes Gleichgewicht (weniger Gewicht auf der Vorhand) der Losgelassenheit, der Geschmeidigkeit und infolgedessen auch dem Takt schaden?
• Wieso haben alle talentierten Pferde einen hoch angesetzten Hals?
• Warum hüten sich die Profidressurreiter wohlweislich davor, Pferde mit von Natur aus waagerechtem Hals auszuwählen (englische Vollblüter zum Beispiel)? Gerade diese Pferde müssten dem Ex-„Rollkur“-Club (der kürzlich zum „Long, Deep and Round“-Club mutierte), doch eigentlich ausgesprochen gut gefallen!

Ihre Worte lesen sich so, als würde der Reiter, der ein Aufrichten des Pferdehalses fordert, einen „negativen Einfluss“ auf dessen Balancierstange ausüben, während das ständige tiefe Einstellen immer positiv ist. Noch eine dieser vereinfachenden Ideen, die die Reiterei vergiften!
Eine Balancierstange ist ein bewegliches Element, das zur Unterstützung bei Veränderungen des Gleichgewichts eingesetzt wird. Fragen Sie doch mal einen Seiltänzer. Wir müssen also lernen, diese Balancierstange angemessen zu nutzen.

Hierzu noch eine wichtige Klarstellung: Es ist nicht die Reiterhand, die den Pferdehals anhebt. Die Hand BITTET vielmehr das Pferd, seinen Hals anzuheben. Ein Pferd, das diese Aufforderung VERSTEHT, verändert seine Haltung entsprechend mithilfe SEINER EIGENEN Hebemuskulatur.

Und wenn in der Tat „alles, was ich zum Maul, dem Genick und dessen Entspannung sage, absolut richtig ist“, dann ziehen Sie doch daraus die entsprechenden Schlüsse. Und verraten mir, wie es sein kann, dass Pferde, die in der gesamten Arbeit jederzeit willig im Maul nachgeben, von der Dehnungshaltung bis hin zur Piaffe und Passage, nicht korrekt gehen?
 

  • Der Sitz, der Sitz, der Sitz

Die sich ständig wiederholenden Phrasen zum Sitz sind ein ausgezeichnetes Mittel, den gesamten Rest außer Acht zu lassen oder zu verschleiern.

Ein guter Sitz reicht völlig aus? NEIN! Ein guter Sitz ist wichtig und notwendig, aber nicht ausreichend. Die heutige Dressurszene liefert dafür einen niederschmetternden Beweis.

Selbst Gustav Steinbrecht – obwohl pathologischer Anti-Baucherist – gab zu, dass eine gute Hand wichtiger ist als ein guter Sitz: „... wer als Reiter eine wirklich gute Hand besitzt, ist ein Meister der Reitkunst, wenn er auch durch seine Haltung und sein Benehmen zu Pferde dem Laien noch so sehr als mangelhafter Reiter erscheinen mag, wohingegen ein Reiter mit einer wirklich schlechten Hand niemals im wahren Sinne des Wortes ein Reiter sein kann, mag er auch von der Festigkeit des Sitzes, Schneid und Eleganz der Erscheinung noch so sehr bestechen, weil sein Fehler nur aus Mangel an Gefühl und Verständnis für das Pferd hervorgehen kann.“
Lesen Sie Ihre Klassiker. Sie sind sehr lehrreich, da weniger schwarzweißdenkerisch, als man uns immer weismachen möchte.

Zum Sitz muss man außerdem sagen, dass er auch als Hilfe eingesetzt wird, und zwar dadurch, dass der Reiter sein Gewicht sinnvoll im Sattel verlagert. So beweisen zum Beispiel grundlegende Tatsachen der Gleichgewichts- und Bewegungslehre, dass der Reiter im Schulterherein und beim Angaloppieren nach außen sitzen muss, wie ich in meinem Buch „Irrwege der modernen Dressur“ ausführe – also das Gegenteil dessen, was Ihre Doktrin behauptet.

Um einen guten Sitz zu haben, muss man also nicht nur entsprechend gut sitzen können, sondern sein Gewicht auch noch intelligent und angemessen als Hilfe einsetzen. Auch in dieser Hinsicht sind Ihre Überlegungen völlig unzureichend.
 

  • Ganzheitliches Training

„Auch glaube ich, dass ein Pferd (und mir ist bewusst, dass das eine grundlegend andere Sicht darstellt!) sich immer in der Bewegung balancieren und entspannen muß.“

Aber bitte, das ist doch sonnenklar!

• Den Kleinkindern bringt man ja auch bei, auf zwei Beinen zu stehen, indem man sie erstmal zum Rennen bringt ...
• Und später lernen dieselben Kinder, sich auf dem Fahrradsattel zu halten und Lenker, Bremse und Pedale zu benutzen, indem man sie erstmal eine steile Abfahrt hinunterschubst.
Dass einige dabei überleben, beweist mitnichten die Richtigkeit des Prinzips.

Hier haben wir wieder dieses heilige Dogma der „ganzheitlichen Dressur“ und seinen Autoritarismus: Das Pferd „MUSS“ sich „IMMER“ Ihren Überzeugungen beugen. Ohne Erklärung, ohne Begründung. Wie der große Inquisitor sagt: „Die Sonne dreht sich IMMER um die Erde, diese MUSS eine Scheibe sein.“

NEIN und nochmals NEIN! Es sind WIR, die uns IMMER von wissenschaftlichen Fakten leiten lassen MÜSSEN, um unsere Vorstellungen von der Dressur den biologischen Bedürfnissen des Pferdes anzupassen.

Diesbezüglich möchte ich einen Ausschnitt aus dem Brief einer Zuschauerin aus Verden, Eva Wiemers, zitieren: „Ein solches „ganzheitliches Vorgehen“ ist – glaubt man der Verhaltenswissenschaft – ein absolutes Unding, nicht nur für das lernende Pferd, sondern schließlich ebenso für den lernenden Reiter. Ist es nicht beschämend, wie wenig die verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 50 Jahre in die Pferdewelt eindringen konnten? Die Diskussionen um Herrn Karl zeigen, wie wenig von seinem Ansatz, eindeutige Hilfen zu etablieren, überhaupt bemerkt, geschweige denn verstanden wird. „Ganzheitlich“ wie es erzogen ist, wirft das Publikum Herrn Karls Vorgehen bei der Konditionierung in einen Topf mit dem späteren Reiten. Es kommt mir vor, als wäre kein anderes Tiertraining in dieser Hinsicht so verschlossen wie das der Pferde.“

Im Gegensatz zu dem, was Sie behaupten, gibt es also sehr wohl Menschen, die in Verden etwas verstanden haben. Und machen Sie sich keine Illusionen, es werden immer mehr.
Bleiben Sie in Ihren veralteten Denkweisen stecken, wenn Ihnen danach ist, doch machen Sie sich darauf gefasst, immer mehr an den Rand gedrängt zu werden. Die Bewegung ist angelaufen, sie ist unaufhaltsam.
 

  • Untertreten der Hinterbeine und Aufrichtung des Halses

„Die dauerhafte Aufrichtung sollte aus meiner Sicht immer das Ergebnis von Versammlung sein. Sie sollte niemals das Ergebnis der Hände sein, ich glaube, dass sich Hankenbeugung – Versammlung – Verkleinerung der Stützfläche sehr wohl mit zunehmender Versammlung ergibt. Ein Pferd, das sich vorne hebt und nicht hinten senkt, muß sich kurz oder mittelfristig im Rücken schließen und entweder das Gleichmaß der Bewegung verlieren (Zügellahmheit) oder zum Brett werden.“

Schon wieder dieses ständige IMMER und NIEMALS ... Schon wieder eine lautstarke Behauptung ohne rationale Grundlage. Schon wieder eine Unwahrheit. Sie verschonen uns wirklich mit keiner einzigen.

Die Fortbewegung der Tiere sind ein interessantes Forschungsgebiet, das von ernsthaften Leuten untersucht wird, und das zu ignorieren die Reiterei sich nicht leisten kann.

Analysieren Sie tausende Fotos von gerittenen Pferden im Trab:
• Ob die Pferde nun starken Trab gehen, Arbeitstrab, versammelten Trab oder Schultrab: Das diagonale Beinpaar, das sich am Boden befindet, bleibt immer strikt PARALLEL.
Und noch besser: Selbst in der am stärksten versammelten Form des Trabes, der Passage, konvergieren die beiden diagonalen Beine nicht. Häufig ist die Stützbasis dabei sogar nach HINTEN heraus ERWEITERT.
• Diese Art der Versammlung geht also mit KEINERLEI Verkürzung der Stützbasis einher! Die Tritte werden kürzer, aber nicht die Stützfläche.

Schlussfolgerungen:
• Solange das Pferd sich vorwärtsbewegt (in eben jenem Vorwärts, das Ihrer „ganzheitlichen Methode“ so am Herzen liegt), kann sich die Aufrichtung des Halses IN KEINEM FALL aus einer durch Verkürzung der Stützfläche entstandenen Versammlung ergeben – aus dem einfachen Grund, dass diese Verkürzung der Stützfläche IN DER VORWÄRTSBEWEGUNG ein reiner Wunschgedanke ist!
• In der Vorwärtsbewegung ist es vielmehr die Aufrichtung des Halses (Verbesserung des Gleichgewichts), die im Zusammenhang mit entsprechendem Fleiß die Versammlung bewirkt.
• Seine Stützfläche kann und soll ein Pferd verkürzen, wenn es sich (fast) AUF DER STELLE bewegt (Piaffe, stark versammelter Galopp).

Wenn man sie ernsthaft studiert, ist die Versammlung ein komplexes und vielschichtiges Phänomen, das sich keineswegs auf das Untertreten der Hinterbeine unter den Körper reduzieren lässt.

Wie das System, von dem Sie (obwohl Sie Wissenschaftler sind) indoktriniert wurden, haben Sie von der Dressur im Allgemeinen und der Versammlung im Besonderen nur grobe, auf tragische Weise vereinfachende Vorstellungen. Das Pferd ist der LEHRMEISTER – und es schert sich nicht um Ihre vorgefertigten Meinungen. Leider nur muss es davon die Konsequenzen erleiden.

Dies alles habe ich eindeutig in meinem Buch BEWIESEN. Doch entweder haben Sie es nicht gelesen, was bedauerlich wäre, oder Sie haben nichts davon behalten, was äußerst beunruhigend wäre.
 

  • Nieder mit der Hand! Hoch lebe der Sitz!

„In meiner Empfindung wird immer klarer, der Sitz spielt die größte Rolle überhaupt und die Hände werden bei vielen Reitern zum Problem, weil eben die Achse Gehirn–Hand beim Menschen so stark ist.“

In diesem Punkt haben Sie sowohl Unrecht als auch Recht.

• Unrecht: Wenn ein Reiter in Schwierigkeiten gerät und reagiert, indem er an den Zügeln zieht, dann ist dies eine reflexartige Handlung. Wissen Sie nicht, dass die Nervensignale dabei durch das Rückenmark hin- und zurückgeleitet werden? Das Gehirn also unbeteiligt ist?

• Sie haben wirklich Recht: Die Achse Gehirn–Hand wird zu einem großen Problem – wenn nämlich eine „Gehirnwäsche“ stattgefunden hat. Wenn eine fundamentalistische Reitdoktrin dem Gehirn jeden gesunden Menschenverstand ausgetrieben und ihm stattdessen widernatürliche Dogmen eingebläut hat, wie zum Beispiel: „Alles hängt nur vom Sitz ab, niemals die Hand einsetzen ohne gleichzeitig mit den Schenkeln zu treiben, Hände immer tief und unbeweglich tragen ...“ Damit hat der Reiter schließlich selber auch seichte und fixe Ideen.

Logischerweise vergisst diese „hirnlose“ Doktrin auch, dass das Pferd ein Gehirn hat, und lässt jegliche Kommunikation mit dem Pferd außer Acht. Dadurch entsteht eine körperbetonte, autoritäre und grobschlächtige Bodybuilder-Reiterei – und die entsprechenden Verheerungen, die sich daraus ergeben.

Durch was für ein Wunder sollte die Achse Gesäß–Rücken eine intelligentere und feinfühligere Reiterei hervorbringen als die Achse Gehirn–Hand? Das ist doch absurd!
Aber gut, jedem sein Lieblingswerkzeug ...
 

  • Seunig zur Hilfe!

„Wenn Seunig sagt, „am Ende geht es nur noch um Sitz und Hinterbein“, dann ist das der Satz, der meine Wahrnehmung beschreibt.“

Der Satz von Waldemar Seunig gehört zu diesen wohlklingenden Formulierungen, die inhaltlich nichts aussagen und vor allem zu einem führen: dass man sich ins eigene Fleisch schneidet.

• Das Ende ist sicherlich interessant, doch die Ausbildung des Pferdes liegt ja gerade in all dem, was davor kommt. Denn „der Weg ist das Ziel“.
• Am Ende geht es nicht mehr um die Hand? Eine schöne Geschichte! Stellte Seunig seine Pferde mit den Händen in den Jackentaschen vor? Andersherum gelesen bestätigt diese Aussage, dass es VOR dem Ende also durchaus um die Hände ging (und sogar um Hilfszügel). Wenn das so ist, dann sollte jeder Reiter den Einsatz der Hände genau studieren – und zwar mit seinem GEHIRN.
• Der Satz von Etienne Beudant: „Eine gute Hand reicht für alles.“ sagt unendlich mehr aus! Denken Sie darüber nach.

Bei der Ausbildung des Pferdes geht es mitnichten nur um Gesäß, Rücken und Hinterbeine. Die Dressur ist vielmehr eine komplexe Kunst, für die der Reiter viel Sachverstand auf den unterschiedlichsten Gebieten benötigt: Psychologie, Verhaltensforschung, Anatomie, Physiologie, Gleichgewichtslehre, Bewegungslehre, Biomechanik usw. Ganz zu schweigen von einer soliden Reitkultur und ästhetischem und ethischem Empfinden.

Dies alles zu verleugnen, verdammt einen zum Obskurantismus.
Schon 1776 schrieb Dupaty de Clam, berühmter Reitmeister des Zeitalters der Aufklärung: „Es ist viel weiser, sich an den bekannten Wissenschaften zu orientieren, als sich seinen Launen hinzugeben.“

Was Ihre persönliche „Wahrnehmung“ der Reiterei angeht, so werden wir diese berücksichtigen, wenn Sie ein Dutzend Pferde jeder Art bis zur Hohen Schule vollständig ausgebildet haben. Bis dahin würde der Anstand Ihnen gebieten, etwas Bescheidenheit an den Tag zu legen.
 

Alles in allem sind Ihre Kommentare überaus „enttäuschend“ und typisch für die offizielle Denkweise:

• Sie führen keinerlei Beweise an, weder in der Praxis, noch in der Theorie. Stattdessen konfrontieren Sie uns mit Ihren Überzeugungen. Überzeugungen sind sehr praktisch, denn sie befreien einen von der Notwendigkeit, Begründungen in Form rationaler Erklärungen abgeben zu müssen. Daher auch diese an Propaganda erinnernde Rhetorik: phrasenhaft, voller Scheinargumente und Sophismen. Aus dem Munde eines vereidigten Reitlehrers ist dies entschuldbar – aus dem einer Person, die eine wissenschaftliche Ausbildung genossen hat, ist es betrüblich.

• Sie waren zwar so mutig, die katastrophalen Auswirkungen der modernen Dressur aus tierärztlicher Sicht anzuprangern, die tiefgründigen reiterlichen Ursachen haben Sie jedoch keineswegs analysiert. In Anbetracht dessen, dass diese offensichtlich in den Grundprinzipien jenes Systems zu suchen sind, das Sie verteidigen, können Sie natürlich keinen Lösungsweg vorschlagen.
Infolgedessen müssen Sie notwendigerweise anfangen, meine Thesen zu ignorieren, meine Aussagen zu verzerren, meine Schüler unfair zu beurteilen, Fehlinformationen zu verbreiten und sich zu Manipulationen herabzulassen.

• Schließlich ist es zu bequem und auch etwas unziemlich, sich hinter einem vorteilhaften Tierarztstatus zu verschanzen, um sentenziöse Urteile in Bereichen abzugeben, die Sie selber keineswegs beherrschen.
 

Sie beenden Ihren Brief mit den folgenden Worten:
„Ich schätze Dich, Philippe, als einen der größten Hippologen unserer Zeit. Du stehst für Tierschutz im Pferdesport.“

Wenn Sie meinen! Da ich allerdings gelernt habe, was Ihre superlativbetonten Begeisterungsausbrüche wert ist, erlauben Sie mir eine Richtigstellung: Ich bin vor allem ECUYER (ein Wort ohne direkte Entsprechung im Deutschen). Die gängige Definition dafür lautet: Ein ECUYER ist jemand, der aufgrund einer langjährigen Praxis der Reiterei in allen Sparten, einer umfassenden Reitkultur und eines umfangreichen Fachwissens über das Pferd (hier steckt der Hippologe) Pferde und gute Reiter ausbildet.
Ich hatte die Ehre, diesen Titel vor 25 Jahren verliehen zu bekommen, nach 20 Jahren reiterlicher Praxis. Es liegt mir sehr daran, ihn respektiert zu wissen, wie es sich gebührt.
 

Sie schreiben außerdem, mich „auf keinen Fall als Diskussionspartner, Hippologen und vielleicht sogar Freund (???) verlieren zu wollen!!“ ...! (Das letzte Ausrufungszeichen ist
von mir.)

• In Bezug auf die ausgiebige Zeichensetzung in diesem Satz sind wir uns einig ...
• Davon abgesehen braucht der DISKUSSIONSPARTNER eine Diskussion auf anderem Niveau als dem, auf dem Sie sich gefallen, ...
•... und der ECUYER möchte nicht mehr Spielzeug, Rückendeckung oder Geisel von Handelsvertretern sein, die noch nicht einmal eigene Beweisstücke mitbringen.
• Wie die Begriffe LEGERETE, GLEICHGEWICHT oder VERSAMMLUNG ist FREUNDSCHAFT eines jener Worte, mit denen man nicht verschwenderisch umgehen sollte, denn sie besitzen einen tieferen Sinn, dessen Wert sich nur in entsprechenden Taten zeigt.
 

Ihre letzten Worte sind:
„Ich könnte mir vorstellen, dass Du müde bist, ständig irgendwelche Erklärungen abgeben zu müssen.“

In der Tat bin ich es leid, Gesprächspartnern als Handlanger zu dienen, die ordnungsgemäße Beweisführungen mit simplen Überzeugungen beantworten, eindeutige Tatsachen mit Unaufrichtigkeit – und schließlich schwerwiegenden kulturellen Problemen mit politischen Verrenkungen begegnen.
 

Da Sie nicht gezögert haben, einen persönlichen Brief für einen Artikel in der Zeitschrift „Pegasus“ zu verwenden – eine überaus elegante Vorgehensweise –, werde ich meinerseits diesen Kommentar auf meiner Internetseite zur Verfügung stellen.
Zweifellos wird er diejenigen aufbauen, die die Reiterei wirklich verstehen wollen und wissen wollen, mit wem sie es zu tun haben.

Mit aufrichtigsten Grüßen,

Philippe Karl


PS: Die Zukunft der Schule der Légèreté braucht Sie nicht zu beunruhigen. Die Reitlehrerausbildung läuft gut, in Deutschland, der Schweiz, Italien, Schweden und Österreich. Neue Kurse starten demnächst in Frankreich, Australien, Großbritannien, Kanada und Südafrika.