Der Teufelskreis, der nicht rund läuft

In ihrer Ausgabe von Mai 2010 veröffentlichte die Zeitschrift CAVALLO einen achtseitigen, von Gerd Heuschmann gezeichneten Artikel, in dem dieser sich mit seinem Lieblingsthema befasst: der Rückentätigkeit beim Reitpferd. Dabei erwähnt er einen grundlegend wichtigen Punkt, in dem man sich als Leser keinesfalls täuschen lassen darf.

Die folgende Zeichnung ist einer Grafik aus diesem Artikel nachempfunden, mit der Überschrift „Die Wirkkreise“ und der Urhebernotiz „Idee: HEUSCHMANN / STAMMER“. Sie stellt die von der Vorhand und Hinterhand entfaltete Energie grafisch dar:



• schwarze Kreise: freilaufendes Pferd
• rote Kreise: Pferd in Dehnungshaltung geritten
• grüne Kreise: Pferd in Versammlung geritten

(Zeichnung nach: CAVALLO, Mai 2010, S. 34)
 




Das Ganze soll erklären, wie aus Dehnung eine beständige Spannung des Rückens entsteht. Diese ergibt sich aus der kombinierten Wirkung des In-die-Tiefe-Streckens mit dem fleißigen Vorschwingen der Hinterbeine in der Vorwärtsbewegung.

SEHEN WIR UNS DIES GENAUER AN.
 

I    In Bezug auf das GLEICHGEWICHT

Betrachtet man den Bewegungsablauf (hier den Trab) und die dabei entfaltete Energie in Abhängigkeit der verschiedenen Gleichgewichtssituationen (also freilaufend, in Dehnung oder in Versammlung geritten), so darf man die Rolle der BALANCIERSTANGE (nämlich des Pferdehalses) dabei nicht verschweigen.

  • Das freilaufende Pferd trägt seinen Hals in natürlicher Haltung (was die Oberlinie entspannt).
  • In der Versammlung richtet das Pferd – aus offensichtlichen Balancegründen – seinen Hals maximal auf (was die Oberlinie ebenfalls entspannt: z.B. im versammelten Trab, in der Passage usw.; es sei denn, die Hinterbeine arbeiten aufgrund einer dauerhaften Hankenbeugung vermehrt unter dem Körper, was nur in der Piaffe der Fall ist).






• schwarze Kreise: freilaufendes Pferd
• rote Kreise: Pferd in Dehnungshaltung geritten
• grüne Kreise: Pferd in Versammlung geritten









Das ist für die aufgestellte These deutlich weniger schmeichelhaft. Und dennoch entspricht es der Realität. Diese Tatsache zu ignorieren, wäre Fälschung, die Wahrheit der Theorie opfern. Wer auch nur annähernd wissenschaftlich vorgehen will, kann sich derartige Auslassungen nicht leisten.
 

II    In Bezug auf den BEWEGUNGSABLAUF

Die Vorwärtsbewegung wird durch entsprechende Bewegungen der Gliedmaße hervorgerufen. Auch hier zeigt sich die Realität  hartnäckig. Das Ganze nennt sich „Bewegungslehre“ – eine Wissenschaft, die zu vernachlässigen sich der aufgeklärte Reiter nicht leisten kann.

Das Vorderbein

Das Vorderbein ist an der Erzeugung der Vorwärtsbewegung beteiligt, indem es zurück unter den Körper geführt wird. Mit anderen Worten: durch VORWÄRTSZIEHEN des Körpers.









Vorderbein greift vor

Vorderbein am Boden
VORWÄRTSZIEHEN des Körpers

 





Der „Wirkkreis“ in der Grafik dreht sich hier also in die richtige Richtung, nämlich entgegen dem Uhrzeigersinn.

EINVERSTANDEN! ABER ...

Das Hinterbein

Das Hinterbein ist an der Erzeugung der Vorwärtsbewegung beteiligt, indem es hinter die Lotrechte herausgeschoben wird. Also: durch VORWÄRTSSCHIEBEN des Körpers.





Hinterbein greift vor

Hinterbein am Boden
VORWÄRTSSCHIEBEN des Körpers







Dass diese Tatsache einer Doktrin widerspricht, ändert daran nichts, denn sie ist wissenschaftlich bewiesen: Das Hinterbein schiebt den Körper nach vorn, indem es NACH HINTEN HERAUSBEWEGT wird – also durch Strecken der Bauchmuskulatur und ANSPANNEN der Rückenmuskulatur.

Daraus folgt, dass sich der besagte „Wirkkreis“ der Hinterhand IN DIE GLEICHE RICHTUNG dreht wie derjenige der Vorhand. Ersterer hebt die Auswirkungen des letzteren auf.

Damit erweist sich die zwanghafte SPANNUNG der Oberlinie als Ergebnis des fleißigen Vorschwingens der Hinterbeine in der Vorwärtsbewegung als reine Kopfgeburt.

In Wirklichkeit spannt sich der Rücken:

  • entweder durch die korrekte Dehnungshaltung in der Vorwärtsbewegung
  • oder durch dauerhafte Hankenbeugung und die damit einhergehende Verkürzung der Stützbasis von hinten, das heißt in der Piaffe. Dabei ist der Schub der Hinterbeine vor allem nach oben gerichtet und kaum mehr nach vorn.


RÜCKWÄRTSRICHTEN


• RÜCKWÄRTSZIEHEN des Körpers
• Positive Auswirkung auf die Spannung der Oberlinie (die allerdings vom RÜCKWÄRTSSCHUB der Vorderbeine aufgehoben wird)









Die Grafik von G. Heuschmann entspricht also einem Pferd, das mit den VORDERBEINEN VORWÄRTS geht – mit den HINTERBEINEN aber RÜCKWÄRTS!
Ein Kraftakt, den kein Zirkusreiter wagen würde!

Zu solchen Widersinnigkeiten kommt man, wenn man dogmatischen Vorurteilen Vorrang gibt gegenüber elementaren Fakten der Bewegungslehre.






























Es gibt Theorien, die führen nirgendwohin ...

Alles in allem hat Dr. Heuschmann mit größtem Ernst bewiesen, dass ein „klassisches“ Fahrrad vorwärts zu fahren hat – mit einem Hinterrad, das sich in die entgegengesetzte Richtung dreht.
Eine Frage stellt sich in diesem Zusammenhang. Muss man Pferdetierarzt und „Spezialist der Biomechanik“ sein, um derartige Unwahrheiten von sich zu geben?

Das widernatürliche Dogma des vermehrten Untertretens der Hinterbeine, das den Pferderücken in der Vorwärtsbewegung spannen soll, bringt den Reiter dazu, ständig und unnötig mit den Schenkeln zu treiben (um das besagte Untertreten zu erhöhen), gegen eine gegenhaltende Hand (um jede Beschleunigung zu unterbinden).

Dann verwundert es nicht weiter, dass die Reiter SPANNUNG und VERSAMMLUNG mit ZUSAMMENSCHIEBEN verwechseln ... dass die Pferde unter Druck arbeiten und sich einrollen ... und dass man schlussendlich der „Rollkur“, alias LDR, überaus tolerant gegenüber steht.

    Philippe Karl
    Juli 2010

Ich veröffentliche diesen Kommentar auf unserer Internetseite, da die meisten Reitzeitschriften konventionelle Aufsätze tiefgründigen Artikeln vorziehen.